· rezension: soziale medien für facebookwürmer

800 millionen, so lautet der titel von Alexander Pscheras apologie der sozialen medien – aber stimmt das überhaupt noch? nach neuesten informationen verfügt inzwischen allein facebook bereits über 845 millionen teilnehmer, aber täglich werden es mehr. und auch was die börsenkapitalisierung von apple, google und facebook angeht, so liegt pschera mit „nur“ 500 milliarden nicht nur deutlich unter den aktuellen werten, er leistet sich dabei auch einen klitzekleinen schnitzer: facebook ist nämlich noch gar nicht an der börse notiert, das verfahren läuft nämlich gerade, aber trotzdem bringen es apple und google auch ohne den dritten im bunde derzeit auf sage und schreibe rund 650 milliarden dollar!

womit wir Pschera zwar einerseits widerlegen, andererseits aber auch bestätigen, will er mit seinen zahlen ja doch nur ausdrücken, dass hier tatsächlich so etwas wie eine umwälzung im gange ist, eine wahre revolution: „wir befinden uns im reich ganz großer zahlen“, schwärmt der autor uns entgegen und er fügt hinzu: „die ankunft ganz großer zahlen ist immer ein menetekel.“

ohne zweifel stehen wir an einer schwelle, zum internet 2.0 nämlich, und niemand vermag sich dieser entwicklung zu entziehen. ganz sicher ist es auch viel mehr als nur eine modeerscheinung, so pschera weiter, denn die sozialen medien gehen weit darüber hinaus. sie stellen vielmehr die moderne dar, die sich – anders als die mode – nicht so einfach nachahmen läßt, da sie bereits einen schritt weiter ist. denn während die mode eigentlich schon zur vergangenheit gehört, rauscht die moderne an uns vorbei, als gelebte dynamik, aktiv statt nur passiv.

aber was will uns Pschera denn nun sagen mit seinem buch?

glaubt man dem untertitel, so handelt es sich um eine apologie, also eine verteidigung der sozialen medien, mithin um eine rechtfertigung eben dieser umwälzung, die gerade mit uns allen geschieht, und gegen die sich niemand mehr zu wehren weiß. streng genommen geht es Pschera aber um sehr viel mehr. wer das buch nämlich gründlich liest, der wird schnell entdecken, dass es sich eher um eine hommage an die welt der neuen medien handelt, eine eloge an die sozialen netzwerke, wie sie blumenreicher kaum sein könnte.

Pschera ist dabei nämlich keineswegs so plump es direkt auszusprechen wie etwa in dem satz: „hey boss, Sie sind wirklich der größte!“ nein, Pschera denkt um die ecke und würde, um das gleiche zu sagen, sich vielleicht eher so ausdrücken: „hey, boss! seit ich den frauen erzähle, dass ich sie kenne, interessieren sie sich endlich auch für mich!“

und so erzählt Pschera nicht alles selber, sondern er lässt erzählen, vornehmlich von literaten wie thoreau und poe, aber auch von philosophen wie habermas und heidegger. dass leser ohne 16 semester in literatur und philosophie auf dem buckel hier schon bald auf verständnisprobleme stoßen, lässt sich da leider nicht immer ganz vermeiden – aber ist so ein buch da nicht auch eine hervorragende gelegenheit, mal seine allgemeinbildung ein wenig aufzumöbeln?

auch was die wortwahl angeht, so wird sicher nicht jeder alles sogleich verstehen können – oder wissen sie vielleicht auf anhieb, was unter begriffen wie anagnorisis und gnorismata zu verstehen ist? dabei handelt es sich durchaus um schlagwörter mit erheblicher bedeutung für die sozialen medien – und darf man beim leser einen zugang zu google und wikipedia nicht geradezu voraussetzen? zumal das buch wohl für jeden an den sozialen medien wirklich interessierten sicher etwas zu bieten hat, nicht zuletzt auch jenen, die sich mit social marketing befassen:

“so etwas wie ‘freundschaft’ ist in facebook nur eine vorstellung von ‘freundschaft’, und auch die ‘gefällt mir’-handlung ist keine grundsätzliche übereinstimmung einer person mit einer sache, sondern eine spontane reaktion, die wenig später schon wieder vergessen ist oder rückgängig gemacht werden kann, (‘gefällt mir nicht mehr’), handlung und nicht-handlung in einem, aber dafür nicht weniger wahr.“

wo man also nicht mehr wirklich mit vorlieben oder präferenzen zu tun hat, sondern nurmehr mit spontanen reaktionen, die sich zwar sogleich im nichts auflösen, womöglich aber doch noch wirkungen auf dritte ausüben, ergeben sich zweifellos gänzlich neue herausforderungen, aber auch perspektiven. werbung ist nicht mehr der werbspot, der für uns produziert wurde, sondern vielmehr die aktivität der netznutzer, während nun ausgerechnet der provider, der zuvor so vorherrschend war, nun geradezu in die rolle des kaum beachteten statisten schlüpft.

mehr noch, die netznutzer entwickeln sogar eine eigene sprache einschließlich der unzähligen kürzel, die auch als hieroglyphen gedeutet werden können, und verstehen es unter umständen auch, sich der kommerziellen nutzung zu entziehen oder diese gar ins gegenteil zu verkehren, so dass manche werbeaktion gehörig daneben gehen kann, wie erst jüngst einige beispiele zeigten.

immerhin haben die sozialen medien ja auch schon den arabischen frühling mitgestaltet, und doch ist auch in den neuen netzwerken vielleicht nicht alles so rosig, wie manche sich vielleicht ausmalen. der mensch droht andererseits auch zur bloßen verlängerung der maschine zu werden, darum auch die zuvor erwähnten verweise auf habermas und heidegger, die genau vor einer solchen vereinnahmung des menschen durch die technik warnten. knöpfe, tasten, touchscreen und flatrates bestimmen zunehmend unser denken und handeln, so dass unsere kreativität schließlich vielleicht doch nicht so zum aufblühen kommt wie erhofft.

am ende also doch ein paar dornen im blumenstrauß? die antwort hierauf überlasse ich dem leser.

Alexander Pschera
800 millionen
apologie der sozialen medien
erschienen bei: matthes & seitz berlin
www.matthes-seitz-berlin.de
isbn: 978-3-88221-578-6

 

 

 

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Author:nikolaus ebbinghaus

japanologe mit auslandserfahrung als übersetzer, dann computerausbildung und seitdem journalist für computer und digitale medien mit zahlreichen veröffentlichungen in radio, print- und onlinemedien. schriftsteller unter dem pseudonym Golo Weiss. u.a. computerthriller Amok on Screen, erhältlich als E-Book bei Amazon unter http://www.amazon.de/AMOK-ON-SCREEN-ebook/dp/B005GVKXIC

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